Sebi und Tina am Ortler

 Über den Hintergrat auf den König der Ostalpen

Nachdem wir es nun schon eine längere Zeit nicht mehr geschafft hatten, ein gemeinsames Bergabenteuer zu erleben, war für uns klar: Zumindest eines muss diesen Sommer noch her. Und zwar ein richtiges! Nach kurzem Überlegen und ein wenig hin und her war dann auch schnell klar: Eine Hochtour sollte es sein!

Dabei stellte uns die Tourenplanung bereits vor die erste größere Herausforderung: Für fast den gesamten Alpenraum war recht schlechtes Wetter mit viel Regen, tiefer Schneefallgrenze, Wind und wenig Sicht vorausgesagt. Da die Wetteraussichten unserer Motivation jedoch nichts anhaben konnten, verabredeten wir uns ein paar Tage vorher zur ausführlichen Tourenplanung bei einer kleinen Feierabend-Wanderung von der Nordseite auf die Sonnwendwand. Und tatsächlich: Nach langem Suchen fanden wir mit dem Ortler ein Ziel mit möglicherweise passablem Tourenwetter, so dass wir uns entschieden, den Aufstieg über den Hintergrat zumindest mal zu probieren! Dabei gefiel uns vor allem der Gedanke, dass sich das Wetter zwar gut genug für uns, aber vielleicht ja eher zu schlecht für die meisten anderen Bergkameraden präsentierte und so hofften wir, einen ausnahmsweise leeren Hintergrat ohne übermäßig viele Seilschaften und insbesondere ohne Stau an den Schlüsselstellen vorzufinden.

Los ging es dann Samstag vormittags. Gegen 10 Uhr luden wir im strömenden Regen unsere Gletscher- und Kletterausrüstung ins Auto und machten uns auf den Weg nach Sulden. Dieses fanden wir, wie vom Wetterbericht vorausgesagt, auch wirklich trocken vor. Gestärkt mit einer am Vorabend selbst gebackenen Pizza, die wir noch schnell am Parkplatz verschlangen, verging der Aufstieg auf die Hintergrathütte recht schnell. Als Aufstiegsroute wählten wir hierfür den sogenannten „Wurzelsteig“, welcher, steil bergauf der Direttissima folgend, immer wieder mit lebensgroßen, geschnitzten Holzskulpturen verziert war. Unsere Gedanken kreisten währenddessen immer wieder um die gleichen Fragen:

Wie viele Seilschaften wagen sich außer uns morgen noch auf den Hintergrat? Wie wird die Sicht? Wieviel Schnee kommt über Nacht? Geht’s sich aus?

In unseren Köpfen formte sich so langsam ein richtiger Alpin-Krimi. In den Hauptrollen: Sebi und Tina auf Abenteuersuche. Der Antagonist: Das Wetter. Spannung pur. Doch das Wetter hielt, über Nacht fiel nur wenig Schnee und die Sicht schien, soweit von der Hütte aus zu begutachten, passabel und ausreichend zur Orientierung am Grat. Und so brachen wir nach ein paar ausgiebigen Runden Watten und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht am Vorabend (bei denen sich Sebi eine Runde Schnaps erspielte) und einer kurzen Nacht gegen fünf Uhr früh zusammen mit nur ZWEI :) weiteren Seilschaften in Richtung Hintergrat auf. Unsere Hoffnungen auf einen leeren Grat schienen somit erfüllt, zumal wir die beiden anderen Seilschaften flott gehend bereits auf dem ersten Abschnitt des Zustiegs entlang einer Endmoräne weit hinter uns ließen.

Hoch motiviert verließen wir schließlich die Endmoräne und gewannen, zunächst in einem steilen, aber gut ausgetretenem Geröllfeld und anschließend in leichter Kletterei einer Rinne folgend schnell an Höhe, bis wir pünktlich zum Sonnenaufgang auf den Grat stießen. Von unseren Verfolgern waren in weiter Ferne einige hundert Höhenmeter unter uns nur noch die Lichtkegel der Stirnlampen zu erkennen.

Da wir vom Sonnenaufgang jedoch aufgrund der dichten Wolkendecke, die nur wenige Meter über uns begann, nicht allzu viel mitbekamen, beschlossen wir zügig, dem hier noch unschwierigem Grat weiter bis zum ersten Eisfeld zu folgen, um von dort aus die Schnee- und Sichtverhältnisse zu beurteilen und eine Entscheidung bezüglich des Weitergehens zu treffen.

Und tatsächlich: Die von uns an der Hütte getroffenen Annahmen bezüglich der Machbarkeit trafen zu. Der wenige Neuschnee störte beim Klettern kaum, die Sicht schien uns mit gut 150 Metern ausreichend zur Orientierung am Grat und auch für den Abstieg am Gletscher und so querten wir das erste Schneefeld auch ohne Steigeisen sicher tretend und stiegen hinauf zum Signalkopf, an dem wir die erste Schlüsselstelle erreichten: Dieser musste linkerhand im dritten Schwierigkeitsgrad absteigend umklettert werden. Aber auch diese Aufgabe lösten wir souverän und flott, so dass wir nun auch die letzten Zweifel bezüglich der Machbarkeit über Bord warfen und uns endgültig bewusst wurde: Was für ein Glück, heute hier zu sein! Was für ein Abenteuer! Was für eine Stimmung! Und so machten wir uns (nun bis über beide Ohren grinsend) auf den weiterweg zur nächsten Schlüsselstelle: Eine kurze, abschüssige Verschneidung im vierten Grad mit anschließendem Risskamin. Alle Griffe und Tritte auf Festigkeit überprüfend und an den entscheidenden Stellen auch vom Schnee befreiend war jedoch auch diese Stelle schnell gelöst, und so erreichten wir etwa 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels das zweite, nun um einiges steilere Eisfeld, welches wir beschlossen, trotz guter Schneequalität sicherheitshalber mit Steigeisen zu erklimmen.

Bis zum Gipfel war es nun nicht mehr weit. Alles, was uns noch von der Erfolgreichen Besteigung vom „König der Ostalpen“ trennte, war eine letzte Schlüsselstelle im vierten Grad und ein paar Höhenmeter in unschwierigem Gelände bis ans Gipfelkreuz auf 3905 Metern. Zu unserer Freude bemerkten wir nun, dass die Wolkendecke nur wenige Meter über dem Gipfel bereits zu Ende war und nun hin und wieder mal aufriss, so dass wir nun doch noch den ein oder anderen kurzen Ausblick erhaschen konnten, bevor wir gegen 9.15 Uhr bei -6 °C freudestrahlend und mächtig stolz auf uns den Gipfel erreichten, den wir uns mit drei weiteren Seilschaften, die über den Normalweg von der Payer-Hütte kommend aufgestiegen waren, teilten. Gut für uns, denn so konnten wir in zweier-Seilschaft bei schnell wieder schlechter werdender Sicht einfach deren gut ausgetretenen Aufstiegsspuren den Gletscher hinab folgen und zur Orientierung komplett auf unser GPS verzichten. Einige Spalten und Gletscherbrücken querend stiegen wir so bis hinab zum Lombardi Biwak auf 3.316 Metern Höhe, wo wir, nun endlich wieder unterhalb der Wolkendecke angekommen, mit schönem Blick in die umliegenden Täler eine kurze Rast einlegten, bevor wir uns erneut anseilten und bei nun einsetzendem, leichtem Schneefall, die letzten Meter den Gletscher hinunterstiegen.

Auf dem Weiterweg vom Ende des Gletschers an genossen wir nun die letzten Momente Alpine Glückseligkeit auf dem ausgesetztem, luftigen Grat hinunter und vorbei an der Tabarettaspitze bis hin zur Payer-Hütte, an der wir die sich nun bei uns einstellende Müdigkeit aufgrund der kurzen Nacht mit jeweils einem großen Haferl schwarzem Kaffee erfolgreich bekämpften. Da uns dann aber doch irgendwann ein wenig kalt wurde, wollten wir nicht allzu lange auf der Terrasse der Payer-Hütte sitzen bleiben, und so stiegen wir, aufgrund des immer stärker werdenden Schneefalls schon hitzig über die ersten Skitouren-Ziele im kommenden Winter fantasierend, die letzten 1000 Höhenmeter unschwierig hinab bis zum Auto in Sulden, wo wir unsere geschunden Füße nun endlich von den schweren Hochtouren-Schuhen befreien konnten und wir die letzten Reste der selbstgemachten Pizza in Windeseile verschlungen.

Was für ein Tag!

Sebi und Tina

 Sebi_und_Tina_nach_Überwinden_aller_Schlüsselstellen_kurz_unterhalb_des_Gipfels.jpg  Blick_vom_Gipfel_des_Ortlers_zurück_auf_den_Aufstieg_über_den_Hintergrat_viel_ist_aufgrund_der_dichten_Wolkendecke_nicht_zu_erkennen.jpg 

 

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