Auszüge eines verrückten Sommers aus der Sicht eines Bergvagabunden

Kapitel 1

Alpine Alpenrundfahrt, Teil 1

So wie das Jahr 2020 endete, begann das Jahr 2021. Lockdown, Grenzschließungen, Ausgangssperren, das bedrängende Gefühl, seiner Freiheit beraubt worden zu sein. Doch auch wie im letzten Jahr war die Hoffnung auf die Sommermonate groß. Nachdem dem das Frühjahr überwiegend recht ereignislos irgendwo zwischen Couch und Sportklettergarten verbracht wurde, kam Anfang Juni der Startschuss zu einer viel zu vollen Sommersaison. Die letzten Tage im Mai wurden noch gemeinsam mit ein paar Jungmannschaftlern am Schleierwasserfall verbracht. Hier heroben kommt es einem vor, als würden die ganzen Probleme im Tal bleiben, ein kleines Stück normale Welt.

Doch schon geht’s los, eine Woche Allgäu um im Namen des jDAV den langersehnten Jugendleiternachwuchs zu rekrutieren. Dann eine Woche „Kaderrisse*“ um sich die Finger in den dort ansässigen Granitrissen zu malträtieren. Die paar folgenden Tage wurden im Berner Oberland verbracht. Üben für die anstehende Bergführer-Aspirantenprüfung, kombiniert mit ein paar Bergläufen, damit die Wadln für‘n Sommer herhalten. Danach tat sich durch eine abgesagte Aktion ein Zeitfenster auf und der Drang war groß, dieses mit alpinen Abenteuern zu füllen. Ein paar Mails später war klar, der Robert kommt vorbei, zu Besuch. Wenn ich schon nicht in die Heimat komme, dann halt die Heimat zu mir.

Das Abenteuer beginnt jedoch nicht wie gewohnt im Zustieg oder bei Beginn der Kletterei, sondern dank der DB schon bei der Anlieferung meines Bruders. Einige SMS später und mit ca. 10h Verzug konnte ich einen etwas zerzausten, aber motivierten Robert am Bahnhof in Interlaken aufgabeln. Burgkirchen - München Hbf - Mannheim - Karlsruhe - Basel - Bern – Interlaken. Naheliegend eigentlich. Mit der DB sehen sie was vom Land! Weniger spannend, aber Landschaftlich mindestens genauso schön war die darauffolgende Bergfahrt durch die Kingspitz Nordostwand. Man könnte bei den Felsstrukturen fast glauben, die Schweizer hätten unseren Koasa abgemünzt, so ähnlich scheinen die Felsformationen. Wer hat‘s gleich nochmal erfunden?? Bevor Heimatgefühle aufkommen sind die 16 Seillängen leider schon zu Ende, es folgt ein Abstieg, der der Tour in Sachen Länge schon fast das Wasser reicht. Dafür schaffen wir‘s mal wieder erst in der Dunkelheit an‘s Auto zu kommen. Wenn uns schon der Sonnenaufgang verwehrt bleibt. (gut, der Robert hatte einen im Zug, falls er ihn nicht verschlafen hat). Da am nächsten Tag das Wetter noch stabil bleibt, fahren wir ein Tal weiter an den Tällistock(li), noch so ein Schweizer Wändli, welches keine Wünscheli offen lässt. Um den Abenteuerfaktor hochzuhalten überrascht uns im Abstieg ein Gewitter, quasi eine kleine Einstimmung auf die anstehende Sommersaison. Mindestens genauso gut wie die Kletterei am Tällistock ist das Essen auf der Tällihütte. Mit vollem Magen bietet sich einem die Tällibahn an, mit der man für 6 Fränkli in‘s Tälli schwebt. Die Knie danken‘s einem. Quasi eine Investition in die Zukunft. Der Robert meint, er braucht noch etwas Bewegung zur Verdauung seines Röstis, und überhaupt ist Bahnfahren nur was für alte Knacker. Mir reden in paar Jahren nochmal drüber, Robert 😉

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Da nun alle Fränkli aufgebraucht sind und bevor der Schweizer Dialekt komplett die Kontrolle über das Berichtli übernimmt, fahren wir weiter nach Frankreich. Fast schon wie eine zweite Heimat fühlt sich tags darauf Chamonix an, der Tag läuft nach bewährtem Schema wie folgt ab:

Ausschlafen -> Bäckerei -> Essen kaufen -> Essen essen -> Bücher kaufen -> Bücher lesen -> Kaffee trinken -> Bekannte treffen -> Pläne schmieden -> Pläne verwerfen -> neue Pläne schmieden -> Burger essen

Abends starten wir komplett überfressen in die Dauphine, da soll es nämlich keine Gewitter geben. PERFEKT!

Die Details der darauffolgenden Tage würden komplett den Rahmen des Berichts sprengen, daher folgt stattdessen ein kurzer, chronologischer Ablauf.

Dienstag 9:00 Uhr:

gemütlicher Aufstieg zur Promontoirehütte, am Fuße der Meije-Südwand

Dienstag: 12:00 Uhr:

Gewitter. Fluchtartiger Aufstieg zur Promontoirehütte.

Mittwoch: 6:00 Uhr:

Früher Aufbruch zum Promontoiregrat. Ich übe mich im Führen und der Robert übt sich in Geduld

Mittwoch 16:00 Uhr:

Infernalisches Gewitter. Zum Glück genießen wir dieses bei gutem Essen vom Inneren der Hütte.

Donnerstag 8:00Uhr:

Gemütlicher Start, um den Einstieg der Meije-Südwand auszukundschaften

Donnerstag 10:00 Uhr:

Infernalisches Gewitter. Panische Flucht zur Hütte.

Freitag 3:00 Uhr:

Viel zu früher Aufbruch zur Meije Südwand. Durchklettern dieser, ab 11:00 Uhr panischer Endspurt zum Gipfel, aufgrund stark einsetzenden Eisschlages. Danach Überschreitung der Meije und Abstieg zum Refuge du Aigle. Cola & Kaffee, Abstieg nach La Grave. Fast schon ereignislos, dennoch a langer Tag.

Samstags warten wir auf Gewitter, da wir aber keine finden können, klettern wir nachmittags am Tete Colombe die Genusstour „Tanz der Ziegenböcke“. Auch die wilde Dauphine kann zahm sein. Die Aussicht vom Gipfel lässt uns schon von den nächsten Nordwänden träumen. Nachdem wir auch wieder runtergefunden haben, kocht der Robert noch ein wahnsinns Abendmenü während ich mich um die Rücksendung meines geliebten Bruders kümmere. Diesmal mittels Schweizer Bundesbahnen, zwar teuer, aber Abenteuer hatten wir vorerst genug…

Fazit: dieser Walter Pause hatte damals echt a Gespür für gute Touren.

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  Während der Robert tags drauf in den Zug Richtung Heimat stieg, ging‘s bei mir die nächsten Wochen im bereits gewohnten Rhythmus weiter. Aspirantenlehrgang im Wallis, meist früher Aufbruch, meist frühe Gewitter, der Sommer gibt sich große Mühe, kein langweiliger zu werden. Nach zwei Wochen hat sich der Robert gut erholt, und ich bin gut müde. Da dringend wieder eine Pause vom Hochtourengehatsche her muss, eilt mein Bruder mit Verstärkung namens Korbi zu Hilfe und führt mich durch die Zustoll Südwand. Der Korbi agiert derweil als Unterhaltung und kümmert sich darum, dass ich nicht am Stand einschlafe. PERFEKT, merci dafür! Da das so gut funktioniert hat, genehmigen wir uns am Tag darauf noch ein Schmankerl der Extraklasse. Die im Rätikon angesiedelte Sulzfluh erwartet uns mit den Austriakenrissen, und wir erwarten Risskaminkletterei der etwas feuchteren Sorte. Im Abstieg zierte uns vorne und hinten ein brauner Belag, die Risse warteten wohl schon länger auf einen Putztrupp. Jetzt weiß ich auch, wie sich ein Aal fühlen muss, falls er mal in einer Wasserleitung feststecken sollte. Mit im Boot war auch ein Bergführerkollege, mit dem Spitznamen „der Messias“. Geholfen haben seine predigenden Worte aber leider nicht.

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Schade ist, dass mein Zeitfenster auf das Wochenende beschränkt ist, und während mein Bruder und der Korbi tiefer in die Schweiz vordringen, um weitere Risse zu putzen, begebe ich mich auf den Weg in Richtung Heimat. So kommt es, dass ich seit Monaten wieder einmal die Grenze nach Bayern überschreite, aber nur um samt Gast tags drauf in Richtung Tauern zu düsen. Fünf Tage Venediger-Glockner, garniert mit Gewittern, abwechselnd ab Vormittag, Mittag oder manchmal auch erst nachmittags. Damit‘s ned langweilig wird.  Das Wochenende darauf braucht man sich keine Sorgen zu machen, vom Gewitter überrascht zu werden. Es regnet einfach Nonstop durch, somit wird der Bergrettungskurs von der Kampenwand an die Zellerwand verlegt. Dort hängen wir uns in die Wand, somit bleiben wenigsten die Füße trocken… Ganz nach dem Motto „Wer rastet, der rostet“ ging‘s im Anschluss nach einem kurzen Stärkungsabstecher an der Branderoim** weiter ins Frankenjura. Der nächste Schwung Jugendleiter wartet schon auf die Ausbildung… Bloß ein guter Bekannter ging irgendwie ab (oder auch nicht). Gewitter bekamen wir in der Woche kein einziges zu Gesicht. Paar Tage drauf gleich wieder ab in die Berge, Taschachhaus im Pitztal, Gewitter kombiniert mit Hochtourenkurs. Auf dem Heimweg ging sich noch ein Besuch beim Watzmann aus, die Ostwand lag eh auf dem Weg. Gewitter erst um 15 Uhr, das reicht wenn man früh aufsteht. Im Wimbachgrieß waren wir dann doch wieder bis zur Unterhose nass…

Das darauffolgende Schlechtwetter wurde genutzt, um endlich mal wieder der Heimat einen Besuch abzustatten. Urlaub vom Urlaub machen quasi. Ist tatsächlich auch mal nötig. Es werden Burger gebrutzelt und verspeist, die Jungmannschaft hilft dabei tatkräftig. Sowas gibt etwas Alltag und das Gefühl der Behaglichkeit zurück, das Gewitter kann uns in dem Fall egal sein. Doch ein folgendes Schönwetterfenster und ein paar freie Tage gemeinsam mit meinem Bruder lässt uns schon wieder Pläne schmieden. Stabiles Wetter in den Westalpen, niedrige Temperaturen und der vergangene Niederschlag lässt mich auf gute Nordwandverhältnisse hoffen. Die Vorhersage liest sich wie ein Jackpot im so unbeständigen Sommer 2021. Man könnte vielleicht sogar…. sollten wir… vielleicht passt‘s ja… Panisch werden alle möglichen Webcams in und um Chamonix abgesucht, Telefonate geführt, Topos gedruckt…. Wie es weitergeht, müsst ihr dem Teil 2 entnehmen.

* Cardarese, ein Klettergebiet nahe Domodossola in Italien

** vielen lieben Dank für Trank und Speiß und den guten Kuchen, Carina!!!

 

Kapitel 2

Auf die Dru drauf (solange sie noch steht)

-> „American Direct“ 1100m, VIII-  <-

Der Plan steht und doch ist die ganze Anreise von dem Unglauben dominiert, dass es in Chamonix wirklich ein Schönwetterfenster hat. Zur Überbrückung der letzten regnerischen Tage machen wir noch Halt am Bockmattliturm um die schönste Plaisiertour der Schweiz zu besichtigen. Wenn man sich das Wasser wegdenkt, kann man die Gedanken der Schweizer durchaus verstehen. Der Abstieg der trotzdem durchaus entspannten Tour ist nicht weniger wasserhaltig, mit dem Unterschied dass dieses nun auch noch von oben kommt. Unsere Gedanken sind aber sowieso schon lange wo anders. Seit der Wetterbericht die ersten Hoffnungen aufkommen lässt, geht uns die Petit Dru mit ihrer Westwand nicht mehr aus dem Kopf. So nah und doch so unwirklich. Gerade noch verplant am Parkplatz des Train du Montenvers und nun schon auf’m blauen Eis des Mer de Glace und der Suche nach einem Weg zur Dru Westwand….

…. Welcher sich gar nicht so einfach finden lässt. Ein, das Gletschermeer begrenzende, Felsriegel begrenzt auch unseren Zugang zur begehrten Granitpyramide. Diesen gilt es zu überwinden, doch wo? Der Gletscher hat sich in den letzten Jahrtausenden große Mühe gegeben jeden Griff und Tritt von der Felsstufe zu schleifen und verwehrt uns somit den einfachen Zugang. Und da uns der hereinziehende Nebel jegliche Sicht auf die Barrikade verwehrt, bringen uns auch die mitgebrachten Beschreibungen und Topos nichts. Wir bleiben hartnäckig und finden nach einer Ewigkeit eine Möglichkeit, die unserem Wandbild ähnlich sieht. So kommt es, dass wir auf dem Weg zu unserer Klettertour schon klettern müssen, allerdings reichen 3 plattige Seillängen um leichtes Gelände zu erreichen und im dichten Nebel weiter nach unserer Wand zu suchen.

Eine kurze Nebelpause reicht aus, um unsere Motivation aus dem Keller ins Unendliche steigen zu lassen. Vor uns baut sich eine 1000m hohe, senkrechte Granitpyramide auf. Kurz innehalten, die Vorfreude auf die Tour vermischt sich mit Respekt und dem Gefühl, unendlich klein vor der Wand zu sein. Der Nebel umhüllt uns wieder und wir gehen weiter in ungefährer Richtung Einstieg, welchen wir ungefähr gegen 14:00 Uhr erreichen. Wissen tun wir‘s zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht, dem Nebel sei Dank. Wieder warten wir auf etwas Sicht, die Wand spielt mit unserer Geduld und unserem Zeitplan. Im Kopf überschlagen wir was an dem Tag noch drin ist und ob sich überhaupt das Einsteigen noch rentiert. Am Wandfuß wär‘s eigentlich auch ganz gemütlich…. Ein kurzes Sichtfenster, den Einstieg vor Augen, gibt den nötigen Motivationsschub endlich einzusteigen. Wenn mir schon mal da sind… Und überhaupt gibt’s unten Bohrhaken und abseilen könnte man auch noch. Und das Wetter soll gut werden. Verrückt was so ein bisschen Nebel mit einem macht.

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Vorgegangen wird nun nach der ausgeklügelten März‘schen t.e.a.m.-Taktik (toll.ein.anderer.machts)

Während ich die Verantwortung für den Vorstieg und Routenfindung trage, trägt der Robert einen Rucksack, welcher ungefähr folgendes beinhaltet…

  • 1x Schlafsack,
  • 1x Biwacksack
  • 1x Isomatte
  • Kocher mit Gasvorrat
  • Alpinküche: 1x Topf samt 1x Löffel
  • Wasservorräte, aufgestockt mit Schneevorräten um die Wasservorräte aufzustocken
  • Essen für 1,5 Tage
  • Steigeisen, Eisschrauben, Eisgeräte
  • 150 Müsliriegel 😉
  • schwere Bergschuhe
  • Dyneemaschnur für den Notfall
  • Klopapier (nicht nur für den Notfall)
  • Erste Hilfe Paket, ganz unten, da wir’s hoffentlich nicht brauchen

… Und ca. 15 Kilo wiegt. Fast so schwer wie die Verantwortung….

Falls die Kletterei zu schwer für das Schwerlastgespann wird, wird wahlweise der Rucksack oder der Rucksack samt Robert mittels Flaschenzug nach oben zum Stand gezogen. Dazu aber später mehr, denn Anfangs geht’s bis zur Terassenzone genussvoll und zügig voran. Der Nebel umhüllt uns und lässt eine mystische Stimmung entstehen. Jetzt freue ich mich richtig über ihn, gut dass wir eingestiegen sind!

An den Terrassenzonen kurzer Stopp, wir haben erstaunlicherweise noch genug Zeit über um weiter zu klettern. „Wos ma hod, des hod ma“ wie es in einer uralten bayrischen Weisheit heißt.

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Und irgendwo werden wir in dem senkrechten Granitmeer schon ein Biwakplatzerl finden. Die Motivation hat nun endgültig die Überhand übernommen, und wir steigen in den Hauptteil der Wand ein. Ein perfekter Riss führt zum nächsten, immer steiler werdend, doch unsere Füße und Hände finden in dem rauen Granit guten Halt und wir kommen stetig voran. Länge für Länge, Riss für Riss steigen wir höher, fast schon vergessen wir die Zeit. Nach ein paar anstrengenden Längen im siebten Grad erinnern uns die schwindende Kraft und die einkehrende Dunkelheit, dass wir genug geklettert sind und es Zeit für‘s erste Biwak wird. Nach etwas rumqueren entdecke ich ein Band mit Potential und wir wollen es uns schon beinahe auf einer abschüssigen Rampe „bequem“ machen. Die Erinnerungen an vergangene Sitzbiwaks lassen mir jedoch keine Ruhe und so kommt‘s dass ich um‘s Eck eine perfekte, zwei Meter breite und mehrere Meter lange, vor Steinschlag geschützte und „brettlebene“ Ledge finde. Eine sichere Insel in der Welt der Vertikalen. Die Freude erreicht den Höhepunkt, und so stört es uns kaum, dass wir uns nur einen Schlafsack teilen müssen. „Manspooning“ par excellence (an dieser Stelle wird allen Kopfschüttelnden der Bericht „Hochfeiler“ an‘s Herz gelegt). Zum Abendmahl gab‘s Tütenfraß und schon bald schliefen wir ein und träumten vom Gipfel und den Burgern in Chamonix.

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Dass wir von diesen jedoch noch zwei weitere Nächte träumen würden, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. War wohl besser so.

Der Plan für‘s weitere Vorgehen:

Die Westwand bis zur berüchtigten 90m-Verschneidung, dann per Technolänge in die Nordwand queren. Der obere Teil der Westwand hat sich nämlich leider schon vor ein paar Jahren Richtung Chamonix verabschiedet, was auf die Dringlichkeit einer Begehung der noch in der vertikalen verharrenden, übrigen Westwand hinweist. Nach der Querung ca. 10 bis 15 Seillängen Nordwandkletterei, bis zu einem Durchschlupf zur Südwand. Dort dann nochmal ein paar weitere Längen auf den Gipfel der Petit Dru, Überschreitung zur Grand Dru, und hinten wieder runter nach Chamonix zu de Burger.

Recht einfach eigentlich, in unserem Optimismus sehen wir uns am nächsten Abend schon am Gipfel stehen. Oder zumindest am Südwanddurchschlupf, da gibt’s nen guten Biwakplatz. Mit dem gewohnten Trott nach einer Biwaknacht packen wir unseren Hausstand wieder in den Rucksack vom Robert und beginnen bald mit der Kletterei. Warmklettern ist nicht, denn paar Meter um‘s Eck wartet schon die senkrechte Wand auf uns. Seillänge für Seillänge leiten einen Risse, Platten und Verschneidungen auf interessanter Linienführung durch das Meer aus Granit. Der Schwung vom gestrigen Tag fehlt etwas, erst nach ein paar Stunden stehen wir vor den zwei Schlüsselseillängen der Westwand. Die 90m Verschneidung leitet einen, glatt und abweisend, im unteren achten Grad zu einer unüberwindbaren, senkrechten Wand. Wir spreizen, stemmen, klemmen was das Zeug hält, und doch muss der eine oder andere Haken oder Friend zum Rasten genutzt werden. Rotpunkt hin oder her, ist eh schon schwer genug, Hauptsache rauf. Das Rucksack-Robert-Konstrukt arbeitet sich teils prusikend nach oben. Dort erwartet uns nun eine Passage, an der laut Reinhold Messner „Mord am Unmöglichen“ begangen wurde. Seit Jahrzenten ermöglichen dort von Menschenhand geschlagene Haken die Querung in die Nordwand, doch der Zahn der Zeit hat zwei der Haken abgenagt, diese hängen nun an einem Seil baumelnd in der Luft. Ähnlich baumelnd hangle ich mich kurz darauf an dem Seil Richtung leichterem Gelände, befreie die zwei Haken und befestige das Seil, um daran queren zu können.

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blick nach unten... und oben...

Es dauert bis Mittag bis wir der Westwand entflohen sind, nun sitzen wir auf einem Podest mitten in der Nordwand der Petit Dru. Der senkrechte Granit wird durch eisgefüllte Kamine abgewechselt, das Gelände lehnt sich zurück. Der Chalkbag wird durch Eisgeräte ersetzt und ein paar Müsliriegel später stecke ich schon tief im ersten Kamin. Unglaublich, mitten im Hochsommer hängt hier oben ein Eiszapfen nach dem anderen, richtig schöne Mixedkletterei. In der einen Hand eine Felsleiste, in der anderen das im Riss verkeilte Eisgerät. Abenteuerlich geht’s weiter nach oben, immer auf der Suche nach der einfachsten Linie. Stunde für Stunde, die Seillängen zählen wir schon lange nicht mehr. Ich erinnere mich gut an die Worte eines Kletterpartners, mit dem ich vor Abreise telefonierte um Infos über die Tour einzuholen: „Unterschätzt de Nordwand ned, des ziagt se ewig. Und ned zu weit rechts, immer eher links.“ Oder war‘s doch rechts? Egal, jetzt bin ich eh scho rübergequert, wird scho gehen. Irgendwann lehnt sich das Gelände weiter zurück, die Kletterschuhe werden durch Bergschuhe ersetzt, diese werden mit Steigeisen bewaffnet. Nach einem Schneefeld kommt ein Überhang, darunter ein abschüssiges Band. Ich muss an eine Tour im letzten Jahr denken, bei der es uns finster geworden ist und wir in der Nacht keinen Schlafplatz gefunden haben. Sitzend haben wir damals gewartet, bis es wieder hell geworden ist. Um das zu vermeiden, Pickeln wir uns hier ein Podest in den Schnee, kochen etwas Wasser und wickeln uns in unseren Schlafsack. Alle halbe Stunde wird die Position gewechselt, damit abwechselnd in‘s rechte oder linke Bein Blut fließen kann. Irgendwann wird die Nacht von der Morgendämmerung abgelöst, und dem Gesichtsausdruck meines Bruders entnehme ich, dass er darüber recht froh ist. Schnell sind wir schon lange nicht mehr, doch der Gedanke an die Luxusgüter, welche das Tal zu bieten hat, treibt uns an. Der Überhang, welcher uns in der Nacht vor Steinschlag geschützt hat, ist schnell überwunden und schon bald stehen wir am Durchschlupf zur Südwand. Wird auch Zeit, wir freuen uns schon viel zu lange auf die Sonne. „Jetzt bin i dann froh, wenn‘s gor is.“ Wie oft mir schon Gedanken über die Sinnhaftigkeit irgendwelcher viel zu langen Alpintouren durch den Kopf geschossen sind… Und doch so schnell im Tal wieder vergessen, in‘s nächste Abenteuer gestürzt. Einfach nicht lernfähig…

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Der Weg zum Gipfel zieht sich gefühlt noch ewig, was wohl eher daran liegt, dass wir nicht mehr unbedingt schnell sind. Doch irgendwann hat alles mal ein Ende, und so kommt es, dass wir uns gegen Mittag überglücklich in die Arme fallen. Die Madonnastatue am Gipfel der Petit Dru ist die einzige Begegnung seit Verlassen der Montenversbahn. Dies ist bereits zwei Tage her. Wir genießen die warmen Sonnenstrahlen am Gipfel, verspeisen paar unserer Müsliriegel. Eine tiefe Zufriedenheit stellt sich ein, so viele Jahre habe ich schon von der Wand geträumt, überlegt und doch die Gedanken wieder verworfen. Hat damals halt einfach noch nicht gepasst, jetzt schon. Und wie.

Jetzt nur noch ein paar Eiskamine nach oben und der höchste Punkt ist erreicht.

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Was für eine Erleichterung. Da fällt alle Anspannung von einem ab, wenn man auf dem Gipfel einer riesigen, eisigen, spitzen Pyramide steht und nur noch im Schnee einer steilen Flanke den ersten Abseilstand an einem Objekt, dessen Beschreibung uns unser Topo aufgrund unserer mangelnden Englischkenntnisse vorenthält, finden muss um dann weitere dreizehn in einer gewaltigen, blockigen Granitrinne verborgenen Abseilstände zu suchen, die einen laut alter handschriftlicher Überlieferung bis zur Randkluft noch ungewissen Ausmaßes führen soll, deren ferne andere Eiswand das Tor zur heikel abfallenden Gletscherzunge darstellt, welche direkt und von zahlreichen Eisblöcken, aus mehr oder weniger zeitnahen Nassschneerutschen, gesäumt, in die breite Spaltenzone des Gletschers führt, welche den Übergang zu den gewaltigen, wackligen Granitblöcken der Randmoräne erschwert, an deren weit entfernten unteren Ende sich die wahrscheinlich verlassene und vielleicht auch verschlossenen Charpouahütte befindet. Von einem späteren Zeitpunkt betrachtet hört sich alles nicht so dramatisch an. Zum Beispiel an dem Zeitpunkt, an dem wir gerade außerordentlich herzlich in der Charpouahütte aufgenommen wurden. Diese gehört einem warmherzigen Kletterpärchen, welche samt kleinem Kind liebevoll die Hütte bewirten und uns zur Nachspeise nach einem fürstlichen Abendessen ein ganzes Reindl frisches Tiramisu auftischen. Als wir dann die Tür von dem Zelt aufmachen, welches uns als Schlafplatz angeboten worden ist, verbirgt sich dahinter ein Hotelzimmer. Es macht sich ein tief glückliches Lächeln auf unseren Gesichtern breit und lässt sich nicht mehr so schnell vertreiben. Die Zeit am nächsten Tag vergeht wie im Flug, Abstieg über die Terrassen und langen Leitern bis unten auf‘s Gletschermeer. Das blau glitzernde Wunderland runter bis zur Bahnstation und nach einem kurzen Zivilisationsschock erholungsbedürftig die Zahnradbahn runter. Knieschonend 😊

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Das Abenteuer endet da, wo alle Abenteuer um Chamonix enden. Beim Burgeressen in der Fußgängerzone. Walnüsse, Ziegenkäse, Speck, Zwiebeln, Feigen und Honig, das ist die Antwort der französischen Burgerküche auf das facettenreihe Hochgebirge außenrum. Zur Rekultivierung gibt es noch ein erfrischendes Bad in den Gumpen etwas oberhalb von Chamonix, auch das steht auf dem Pflichtprogramm nach mehrtägiger Alpintouren. Auf dem Weg kommen wir allerdings nicht drum rum, unterhalb unserer Westwand stehenzubleiben und ehrfürchtig raufzuschauen. Seillänge für Seillänge verfolgen wir unseren Weg, frische Erinnerungen welche nun ihren Platz tief in unseren Herzen gefunden haben.

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Die nächste Nacht wird wieder einmal zur Fortbewegung genutzt, ich hab einen mehrtägigen Job am Großvenediger während sich mein Bruder einer Truppe herumschwirrender Jungmannschaftler anschließt, um die Dolomiten unsicher zu machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bericht und Bilder von Thomas und Robert März

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